Das Carl-Zeiss-Mikroskopierzentrum am Naturkundemuseum Berlin.
Das Schülerlabor am Naturkundemuseum ist ganz nah dran an seinen Nutzern. Die Mikroskopier-Ideen kommen nicht nur aus den Studierstuben der Biologen und Geologen, sondern auch von den Besuchern. Die Laborlehrer machen den Schülern die Natur wahrlich schmackhaft.
Das Schülerlabor am Naturkundemuseum ist ganz nah dran an seinen Nutzern. Die Mikroskopier-Ideen kommen nicht nur aus den Studierstuben der Biologen und Geologen, sondern auch von den Besuchern. Die Laborlehrer machen den Schülern die Natur wahrlich schmackhaft.
Altehrwürdig steht das Museum für Naturkunde an der Invalidenstraße. Der Bau ist ein wenig marode. Die Heizung läuft auf Hochtouren, denn viele Fenster sind undicht. Doch die Sanierung kommt gerade in Gang. Handwerker wuseln durch die hohen, vergilbten Räume, hämmern und bohren. Viele Säle, denen man die einstige Pracht noch ansieht, sind derzeit gesperrt.
Später Vormittag. Einer der noch zugänglichen Besuchersäle öffnet sich am Ende zu einer Art Klassenzimmer. Es ist das Schülerlabor des Museums, das Carl-Zeiss-Mikroskopierzentrum. An Tischen voll neuer Mikroskope arbeiten gut 30 Schüler, Rufe und Fragen hallen durch den Raum. Sie fokussieren die Geräte auf geschliffenes Gestein. Ihr Geografielehrer Gerhard Brümmer gibt Hinweise zur richtigen Ausleuchtung. Die Zeichnungen, die sie heute anfertigen, werten sie am nächsten Tag im Unterricht aus. Feldspat aus Tansania, Quarz aus den Alpen und Glimmer aus Russland – unter den Mikroskopen werden wahre Wunderwerke der Natur sichtbar.
»Das hier hab ich bei uns im Buddelkasten gefunden!« Mert will seinem Mikroskopier-Kollegen Samuel etwas zeigen, doch der guckt gerade mit staunendem Blick durch das Okular am Nachbartisch. Mert legt seinen kristallin glitzernden Stein unter die Linse. Bewundernd betrachtet er die gratigen Strukturen. »Sieht aus wie ein Gebirge«, ruft er. Da wendet sich auch Samuel wieder dem eigenen Arbeitsplatz zu. Gemeinsam machen sie weiter.
Die 11- und 12-Jährigen aus der Grundschule im Problembezirk Prenzlauer Berg sind eine unruhige Gruppe. Schnell ist ihre Geduld aufgebraucht. Deshalb freut sich Geologe und Laborlehrer Lutz Hecht über das Erfolgserlebnis. »Wenn sie etwas Eigenes mitbringen können, bleiben sie dran. Darum ist das ausdrücklich erlaubt. Und auch wir lernen von den Schülern hier noch manches.« Zum Beispiel, wie man den kleinen Besuchern die komplexe Forschung richtig erklärt. Hecht hat den Kurs konzipiert, verkürzte aber später die Lerneinheiten, um die Konzentration zu erhöhen. Auch das Mitbringen von Fundstücken gehört zu den Neuerungen.
Wir wollen versuchen, unsere Forschung verständlich zu machen.
Sie wollen ihr Wissen weitergeben. Das treibt auch Dr. Birger Neuhaus an, den Leiter des Mikroskopierzentrums. In den hohen Regalen seines stillen Arbeitszimmers steht ein Arsenal an dicken, alten Bänden. Die braucht der Wurmforscher für die Identifikation neuer Arten. Detaillierte Schnittzeichnungen weißlicher Würmer liegen auf dem Schreibtisch. Eine Mitarbeiterin bringt ein schweres Paket. »Ach, das ist mein Sand aus Sylt«, sagt Neuhaus erfreut, »frische Wattwürmer für die Schüler nächste Woche«.
Doch nicht nur das Leben im Nordseesand oder Gesteinsschliffe werden unter die Lupe genommen. Oft fischen die Schüler auch selbst Flöhe, Würmer und anderes Getier aus dem Großstadtflüsschen Panke. »Das hier ist eine Initiative der Wissenschaftler, wir wollen versuchen, unsere Forschung verständlich zu machen, indem wir ins Gelände gehen, Proben sammeln und die anschließend mikroskopieren«, erläutert Neuhaus.
Mit ihrer Naturverbundenheit erreichen die Wissenschaftler nicht nur Schüler wie Mert, Samuel und die anderen. Die Geräte stehen auch interessierten Laien frei, die ja bei Museumsbesuchen an den Labortischen vorbeikommen. Neuhaus freut sich, wenn auch Erwachsene Pflanzen oder Insekten mitbringen. »Wir wollen das Mikroskopierzentrum möglichst vielseitig nutzen«, sagt er. Natürlich lernen heißt im Naturkundemuseum eben, von der Natur zu lernen. Fester Bestandteil dieser Strategie ist das Mikroskopierzentrum.
Bevor es 2003 eröffnete, gab es zwei sehr erfolgreiche Einzel-Projekte mit Schülergruppen. Da mussten die Forscher die Mikroskope allerdings noch borgen. Das ist heute anders – jetzt gibt es sogar Partnerklassen, die bis zu drei Jahre lang regelmäßig zum außerschulischen Unterricht kommen.
Die Klasse aus dem Prenzlauer Berg ist das erste mal hier. Inzwischen sitzen sie nicht mehr an den Mikroskopen, denn Lutz Hecht zeigt ihnen die sonst unzugängliche, umfangreiche Steinsammlung und sein Studierzimmer. Er erklärt ihnen auch die Benutzung der Bibliothek. Die Konzentration der Schüler lässt zwar nach, doch noch immer stellen sie neugierige Fragen. »Sicher kommen wir wieder her«, sagt Geo-Lehrer Brümmer zum Schluss. Der Blick hinter die Kulissen der Naturwissenschaft lohnt sich also.